Hanna Granz

Übersetzungen - Gutachten - Lektorat  



Beim Übersetzen entstehen sporadisch eigene Texte – zur Übung, um das Sprachgefühl zu trainieren oder aus Lust am eigenen Schreiben. Lesen kann man sie hier.

Systemrelevant 


Durch den Nebel tauchen in der Ferne honiggelbe Lichter auf. 

Ein Schiffshorn dröhnt tief, dumpf und hallend über Land und Meer. 

In den Häusern sitzen Menschen, lauschen auf das ferne Rufen. 

Und sie erzählen sich die Legende, die so alt ist wie die Welt: 

 

Auf hoher See hält das Mutterschiff ebenso Kurs wie auf Süßwasserflüssen. 

Es hat einen Kompass, nach dem es sich richten kann – meist geht das gut. 

Sein Motor liegt mittschiffs unter dem Brustbein, linker Stahlrippenbogen. 

Es stampft und es arbeitet, ächzt und ist rostig, sinkt aber nicht. 

 

Kleinere Boote fahren im Schlepptau, werden ab und an dichtgeholt 

dann wieder gefiert; es bietet Seevögeln Schutz, wenn Winde sie zausen. 

Das Mutterschiff krängt, wenn das Meer tobt und Stürme brausen. 

Folgt nachts den Sternen, Navigationszeichen in der Dunkelheit. 

 

Entern es Leichtmatrosen zur Wolfsstunde, kurz vor dem Morgengrauen 

finden sie Zuflucht, schmiegen sich kaltfüßig unter Deck aneinander. 

Träumen von Walen und singenden Meerjungfrauen, heiteren Delphinen 

von Zitteraalen und Goldschätzen, zwanzigtausend Meilen unter dem Meer. 

 

Stoisch dem Nordstern nach zieht das Mutterschiff seine Bahnen. 

Geleitet vom Weststern fährt es manchen Abend in den Hafen ein. 

Ost ist noch Osten und Süden ist Süden geblieben, anderes ist dagegen im Wandel: 

Dreht sich der Wind schneller, spielt die Kompassnadel verrückt, fallen alte Routen trocken. 

 

Von alledem lässt das Mutterschiff sich nicht bangemachen.
 Es fährt und fährt weiter, anderes könnte es auch nicht.
 Und dröhnt das Nebelhorn, hört man heraus: Es wird sich bald lichten.
 Mutterschiffe bleiben, Mutterschiffe wachen, Mutterschiffe sinken nicht. 

Weitere Texte

Beobachtungen/Skizzen   

Großelternhäuser 


I. Wenn man nach mehrstündiger Autofahrt am Maisfeld entlang, am Goldenstedter See vorbei und anschließend über die Autobahn im väterlichen Elternhaus anlangte, roch es nach Pfeifentabak und alten Büchern. Es gab eine Küche mit einer Speisekammer dahinter und ein Esszimmer, in dem ein Kanarienvogel in seinem Käfig sang; Fenster zur Straße, geblümte Tapete. Es gab ein Wohnzimmer mit einer tickenden Standuhr (wie beim Wolf und den sieben Geißlein), manchmal sahen wir zu, wie der Opa sie aufzog und das Pendel wieder in Bewegung setzte. An den Wänden entlang standen Bücherregale, und es gab Schränke, die meisten antik; es gab einen Schreibtisch mit einer Briefwaage darauf (die sich inzwischen in meinem Besitz befindet), eine Ledercouch, zwei Sessel und einen Hartholztisch, oval und mit etlichen Schnitzereien versehen. Dahinter befand sich das Malzimmer, wo es nach Farben roch und wo Staffeleien standen, halbfertige Gemälde der Oma; Pastellkreiden/Ölfarben/Zeichenstifte – manchmal wurden wir von ihr porträtiert. Waren wir allein und über Nacht zu Besuch, wurde der Opa auf das Klappbett dort ausquartiert und wir durften bei der Oma schlafen. Morgens kam der Opa dann ins Schlafzimmer und nahm die Brötchenbestellung auf: ein Rosinen- und ein Sesambrötchen (wenn es das nicht gibt, bitte Mohn). Es gab einen kläffenden Rauhaardackel namens Tim, der tagsüber eingesperrt wurde, damit er uns Kinder nicht erschreckte, und es gab einen Keller mit Spielzeug, welches in feierlicher Prozession nach oben getragen wurde: Zootiere, Puppen, zwei Pferde, ein paar Zirkuswagen, mit denen wir nachmittaglang spielten. 

Im Garten: Kies, eine kleine Wiese; Efeuranken, in denen ein Zaunkönig pfiff. 

(In memoriam Ruth & Werner Braselmann, Neukirchen-Vluyn) 

 

II. Kam man nach vielstündiger Zugfahrt am Rhein entlang und an der Lorelei vorbei am Nürnberger Hauptbahnhof an, wurde man vom Stiefgroßvater im Mercedes abgeholt, um das letzte Stück zurückzulegen. Mit dem Aufzug ging es anschließend nach oben, im fünften Stock lag endlich die Wohnung. Es gab flauschige Teppiche, schon im Flur und in allen Zimmern, und es roch frischgelüftet, aber auch nach Weichspüler/Raumspray/Toilettendeodorant. Es gab eine Küche mit zwei Kühlschränken darin und ein Bauernzimmer, in dem gegessen wurde. Es gab ein Wohnzimmer mit Sofalandschaft, einem Fernseher und weißer Schrankwand, darin Bücher, Schallplatten und Kristallgläser; ein Klavier und davor einen Balkon. Es gab eine Kirmes, die hier Kirchweih hieß und auf der wir Riesenrad und Kettenkarussell fuhren (die Lose, die wir kauften, gewannen nie). Die Omi machte Wienerle und Kartoffelsalat, es gab dampfende Schüsseln voller Klöße, Kartoffeln, Rosenkohl, Sauerkraut und Leberkäs oder Fleisch in fingerdicken Scheiben; es gab Bauernbrot und Kren und Radieschen. Begleitete man die Omi am Sonntagmorgen zur Messe und sagte im Fahrstuhl freundlich Grüß Gott, war die Welt in bester Ordnung. Man fuhr in die Fränkische, zum Wandern, schmetterte ein Lied (Es klappert die Mühle … Das Wandern ist …) und kehrte in Gaststätten ein, die erst gewaltige Schnitzel und etwas später am Tag mächtige Sahnetorten servierten. Anschließend ging es wieder in die Stadt zurück. 

Ungewohnte Geräusche in der Nacht; seltsamer Hall zwischen den Häusern, für Siemens hochgezogenen 60er-Jahre-Bauten. Autorauschen, das Anfahren der Busse; laue Luft, die zum Fenster hereinwehte. 

(In memoriam Inge & Walter Schnierstein, Erlangen) 

 

III. Und es gab noch ein Drittes, kein Großelternhaus, das man besuchte, stattdessen einen Opa, der gelegentlich zu Besuch kam, noch öfter aber Pakete aus seinem Garten sandte: einzeln in Holzwolle verpackte Äpfel, Rote Bete, Möhren dazu Apfelringe – ein unfassbarer Duft ging von diesen Kisten aus. Kam er zu Besuch, wurde alles auf den Kopf gestellt: die Küche/die Wohnung/wir Kinder. Schon am Morgen roch es wie sonst nur zu Mittag: nach Reis und Zwiebeln und Sojasoße, die Betten mussten umgerückt werden, weil sie an falscher Stelle standen: über Wasseradern, unter Stromleitungen, in Spannungsfeldern. Wir Kinder übten tagsüber Kopfstand mit ihm, Seilchenspringen und andere nützliche Dinge. Denn dieser Opa konnte Yoga und wusste über alles ganz genau Bescheid, und dass nach seiner Abreise die Möbel rasch wieder an ihren ursprünglichen Platz zurückkehrten, davon brauchte er nichts zu erfahren. Er hatte zwei Häuser, in denen er abwechselnd wohnte, eins mit Selbstversorgergarten; dort gab es den Kirchenchor, Freunde, aber im Winter eben auch zahlreiche Mäuse, weshalb er dann oft in das zweite floh, moderner, aber gartenlos. Dort gab es ein Freibad in unmittelbarer Nähe, Wanderwege, den Wald; ein einziges Mal besuchten wir ihn dort, ein paar Sommerwochen lang. 

Fenstergriffe, die mit Wollschals umwickelt waren; Betten, die mitten im Raum standen. 

Und die Speisen, die er zu sich nahm (püriert), in den verschiedensten Gemüsefarben. 

(In memoriam Hans Weißbeck, Reichertsheim & Egloffstein) 

 

Was prägt, was nimmt man mit, was hat man von ihnen gelernt? Was vielleicht aber auch versäumt, sie zu fragen? Was hätte man gerne noch gewusst? 

Nähe und Distanz; Spurensuche, Abgrenzung. 

Eine andere Generation. 

(Enkel&Ahnen) 


Weitere Texte

Zuhausebleiben. Ein Tagebuch

15. März 2020

Die Sonne scheint. Schulen und Kindergärten sind ab heute für zunächst fünf Wochen geschlossen. Im Vorbeigehen schaue ich durch das Fenster im oberen Flur, klimatisch eine Zwischenzone: Vom noch unrenovierten Dachboden, der mit einer Wolldecke vom Wohnbereich abgetrennt ist, zieht es kalt herein. Draußen ist es bereits warm, es verspricht ein schöner Tag zu werden. Anders als ursprünglich geplant, hat M. das alte, einflüglige Fenster wieder eingesetzt. Das neue hatte sich als Fehlkauf erwiesen, zweiflüglig sollte es sein, aber eben ein Stulpfenster, keines mit Mittelpfosten, bei dem der Steg so breit ist, dass man das Gefühl hat, man säße hinter Gittern. Finanziell ist der Rückbau ein Verlust, aber wir brauchen Licht. In den nächsten Monaten drohen ohnehin Freiheits-Einschnitte, was zum Zeitpunkt der Entscheidung allerdings noch nicht absehbar war. Der Blick sollte bleiben, auch von diesem Fenster aus, das im Grunde nur ein Vorbeigehfenster ist, immerhin jedoch Licht in unser nicht allzu sonnenverwöhntes Haus einlässt.

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Steppjackenblues oder Wie es ist, im Nebel zu wandern


Nachdem es tagelang viel zu warm und zu sonnig für diese Jahreszeit war (20 Grad, und das Anfang November), ist heute ein Herbsttag, wie er im Buche steht. Der erste Blick aus dem Fenster: alles grau, das Thermometer zeigt 2 Grad an. Und während sich der Nebel normalerweise im Laufe des Tages verzieht, bleibt er heute bis zum Abend schwer und feucht über der herbstkahlen Landschaft liegen. Zweimal nehme ich das Auto, einmal, um den Laptop mit dem Kaffeeschaden zur (hoffentlich erfolgreichen) Reparatur zu bringen, das zweite Mal, um die jüngste Tochter aus dem Ersatzkindergarten abzuholen (Ersatz wegen Wasserschaden). Beide Male fahre ich auf Sicht – ein Ausdruck, den man in den letzten Monaten oft gehört hat, den ich aber selten so konkret nachempfinden konnte.

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